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PRESSE-INFORMATION (2015)

Um im Studio selber zu verstehen, was ich eigentlich gerade mache, suche ich mir oft Filmausschnitte aus dem Netz, schalte den Ton aus und lasse meine Aufnahmen dazu laufen. Die Bilder werden dabei zum Korrektiv für die Musik, und wenn also mein letztes Album „Kill Your Babies“ ein französischer Nouvelle-Vague-Film aus den 60ern in Schwarz-Weiß war, dann ist das neue Album eher ein Wes-Anderson-Farbfilm von heute – der in Los Angeles, Tel Aviv und Neapel spielt; vielleicht auch auf einem Schiff Richtung Riviera.

Der Titel „I Love You“ wirft natürlich viele Fragen auf und bewegt sich nah an der Grenze zu schlimmen Fehlern, die man so machen kann. Ich weiß noch, wie ungefähr die Hälfte der Platte fertig skizziert war, und mich quälten Zweifel, ob ich damit irgendetwas, vielleicht sogar etwas Neues, zu sagen hatte. Auf Youtube entdeckte ich zufällig „Blue Sands“ von Chico Hamilton und John Pisano beim Newport Jazz Festival 1958. Geflüsterte Voodoo-Trommeln und eine Gitarre so einfach, schön und schief, so zerbrechlich und aggressiv, wie es eigentlich gar nicht geht. Ich wollte sofort aufhören mit allem. Brauchte ausgerechnet ich wirklich ein neues Album? Filme, Riviera, Musik? Wo stehe ich? Es wurde kompliziert.

Außerdem war ich verliebt und glücklich. Ist es in diesem Zustand überhaupt möglich zu arbeiten? Jedenfalls hielten wir uns im Arm, und auf einmal sagte ich: „Ich möchte ein Album machen, das sich genauso gut und warm anfühlt wie diese Umarmung.“ In diesem Moment spielt alles andere keine Rolle. Die Konzepte und Neurosen, die man hat. Die Probleme der Welt. Die politischen Widersprüche, in denen wir leben. Alles egal für einen Augenblick. Am nächsten Tag schrieb ich das Stück „How I Think Of You“ und nahm es in drei, vier Stunden auf. Ich legte mich mit dem Rücken auf den Boden (was ich sonst nie tue), um den Bass im Holz unter mir zu spüren, hörte das Lied endlos im Kreis und freute mich wie ein Kind, dass ich scheinbar doch noch Musik machen konnte. Ich war repariert und brauchte nur noch wenige Monate für den Rest des Albums.

Angefangen hat alles in Los Angeles. Das letzte Album „Kill Your Babies“ hatte die unglaublichsten Kritiken bekommen – das Leben war schön und privat. Ich saß in der Sonne und trank Mandelmilch und spielte mit dem Gedanken, Vegetarier zu werden. Da rief mich Klaus Lemke aus Deutschland an und erzählte von einem neuen Film und einer Titelmusik. Für unseren fünften gemeinsamen Film schrieben wir zusammen am Telefon „Blue Magic Berlin“. Weil ich aber rechts den Ozean, unten am Hügel West Hollywood und links Downtown L.A. vor mir sah, klang das Stück nur wenig nach Berlin. Es war ein neuer Sound, der mich überraschte. Amerikanisch, kalifornisch, Blue Magic. Und ich merkte, das könnte der Anfang von einem neuen Album sein. Ich summte ein paar Takte dazu – ich hatte schon lange nicht mehr richtig gesungen –, und ein bisschen Stimme gefiel mir ganz gut. Auf „Mulholland Chocolate Martini“ wurde aus dem Summen ein „Doo Doo Doo“, und daraus wurde irgendwann „Take Some Abuse“. Rodriguez, Bob Dylan, Leonard Cohen, Richie Havens? Ich weiß es nicht. Aber es machte Spaß, und statt mich vor Sonnenbränden zu schützen, war ich im Studio und beschäftigte mich mit Singen.

Ich bin in den letzten zwei Jahren viel gereist und hatte nicht immer ein Klavier zur Hand, also spielte ich oft Gitarre und Bass. Eigentlich benutze ich immer das, was gerade in der Nähe ist. In Hamburg stand im Studio ein Vibraphon. Das Schlagzeug nehme ich am liebsten auf alten, großen Reisekoffern auf – die findet man in jeder Stadt auf Flohmärkten ohne Probleme. In Berlin läuft es meistens aufs Akkordeon und Pfeifen hinaus. Dort ist auch „Sweet Anna“ entstanden. Ich saß bei Maxim (Biller) im Wohnzimmer, und wir waren beide depressiv und gelangweilt. Da sagte er halb tot, halb im Scherz: „Komm, wir schnappen uns meine Gitarre und ‚jammen‘ zusammen.“ Ich „jamme“ aber nicht. Niemals und mit niemandem. Schon das Wort ist ein Albtraum. Aber er hörte nicht auf zu nerven und hängte mir einfach die Gitarre um den Hals. Wir waren so schlecht drauf, dass ich wirklich anfing, irgendetwas zu spielen. Maxim pfiff ein kleines Thema dazu, und am Ende war ich doch sehr froh, dass ich meine Regeln gebrochen hatte.

Das letzte Stück fürs Album war „Carcosa“. Eine im Archiv verschollene Klavier-Improvisation, festgehalten auf einem Diktiergerät in San Francisco. In Köln, wo ich am Schauspielhaus die Musik für Stefan Bachmanns „Parzival“ und Angela Richters „Supernerds“ schrieb, tauchte die Aufnahme wieder auf, und aus der simplen Einzelspur wurde ein (für meine Verhältnisse) eher komplexer Song. Das hat etwas mit Jazz zu tun; ich nenne es „Beat-Jazz“. Und ich glaube, das nächste Album wird direkt an diesem Punkt weitergehen. Nicht die schlechtesten Aussichten. Es ist toll, wenn man denkt, es gibt noch etwas mehr zu erzählen. MK

 

BIOGRAPHIE (Wikipedia-Auszug)

Malakoff Kowalski (* 21. Juni 1979 in Boston als Aram Pirmoradi) ist ein deutsch-amerikanisch-persischer Sänger, Musiker, Komponist und Produzent. Seine Eltern stammen aus Teheran; er wurde in den USA geboren und ist aufgewachsen in Hamburg.

2005 veröffentlichte Kowalski mit der Band Jansen & Kowalski das Debüt-Album „Action“, das er kurz darauf als „Mahnmal für ein verpfuschtes Schaffen“ bezeichnete. Nach Auflösung der Band erschien 2009 das Krautrock-Solo-Album „Neue Deutsche Reiselieder“ mit einem DEICHKIND-Remix der Single „Andere Leute“. Das Video zu dem Stück stammt von Filmregisseur KLAUS LEMKE. Für Lemke produzierte Kowalski seit 2008 die Originalmusiken für bislang fünf veröffentlichte Spielfilme.

2012 erschien das Album „Kill Your Babies – Filmscore For An Unknown Picture“ – eine Zusammenarbeit mit dem Maler DANIEL RICHTER, dem Schriftsteller MAXIM BILLER und Klaus Lemke. Das instrumentale Album wurde von CLAUDIUS SEIDL in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ als „CD des Jahres“ aufgeführt und erhielt sehr gute Kritiken.

Im gleichen Jahr arbeitete Kowalski zum ersten Mal mit der Theaterregisseurin ANGELA RICHTER zusammen. Das mittlerweile dritte gemeinsame Stück „Supernerds“, basierend auf persönlich geführten Interviews mit Whistleblowern wie EDWARD SNOWDEN, DANIEL ELLSBERG und JULIAN ASSANGE, wurde 2015 in Köln am Schauspielhaus uraufgeführt.

Im Herbst 2015 erschien auf dem Label MPS Kowalskis drittes Album „I Love You“, das von der Kritik ebenfalls überragend aufgenommen wurde. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Musik wie ein flüchtiger Kuss. Elegische Klavierkompositionen. Wunderbar leichte Liebeslieder.“ Das Album umfasst fünfzehn Stücke; bei drei Titeln haben Maxim Biller und Klaus Lemke als Gast-Komponisten mitgewirkt. Die Liner Notes (Begleittext) verfasste Schriftstellerin HELENE HEGEMANN.

Malakoff Kowalski lebt seit 2007 in Berlin.

Presse-Information „Kill Your Babies“ (2012)

PRESS INFORMATION (2015)

In order to truly comprehend the core of what I am recording in the studio, I often look for film sequences online and I mute the sound to let my own compositions run along with the scenes. These shots serve as a kind of counterbalance for the music and so, if my last album Kill Your Babies felt like a French, black and white Nouvelle Vague film from the 60’s, then the new album feels more like a contemporary Wes Anderson movie in color; a movie that is set in Los Angeles, Tel Aviv and Napoli — and maybe even on a ship heading towards the Riviera.

Of course, the choice to title an album I Love You raises many questions and can lead one to make many awful mistakes. I remember very well how about half of the record had been outlined and how I was suffering from doubts, questioning whether I had anything new, or at least anything at all, to say. Around that time, while on YouTube, I came across Chico Hamilton and John Pisano playing Blue Sands at the Newport Jazz Festival in 1958. The whispering voodoo drums and a guitar so simple, beautiful and out of tune, so fragile and aggressive, seemed like something out of this world. I instantly wanted to quit everything. Did I, of all people, really need to make a new album? Films, Riviera, music? Where do I stand? Things became complicated.

On top of everything, I was happy and in love. Is it even possible to work in such a state? In any case, we were in one another’s arms and I suddenly said, “I want to make an album that feels just as good and warm as this embrace.” In a moment like this, nothing else matters. All the concepts and neuroses that we entertain, the problems of the world, the political contradictions that we live in — all out of the way for one vast moment. The next day, I wrote How I Think Of You and I recorded it in three or four hours. I lay down with my back on the floor — which I never do — so that I could feel the bass resonate through the wood planks below me. And I was happy as a child, realizing that I was actually still able to make music. I was restored and it took me only a few more months to finish the rest of the album.

It all began in Los Angeles. My last record Kill Your Babies had received the most incredible reviews — life was good and private. I was sitting in the sun, drinking almond milk and considering the idea of becoming a vegetarian. That is when film director Klaus Lemke called me from Germany, to discuss his new film for which he needed a title theme. It was our fifth movie together and we immediately started composing Blue Magic Berlin during the same phone call. Yet, with the ocean to my right, West Hollywood in front of me and downtown L.A. to my left, the music did not sound like Berlin at all. It was a new sound that truly surprised me — American, Californian, blue magic — and I realized, this could be the beginning of a new album. I hummed along for a few bars — I had not been singing for a while — and I started liking it a lot. On Mulholland Chocolate Martini, my humming turned into a “doo doo doo” and at some point I ended up singing Take Some Abuse. Rodriguez, Bob Dylan, Leonard Cohen, Richie Havens? I really don’t know. But it was fun and instead of protecting myself from sunburns, I was in the studio, busy with singing.

I travelled a lot in the last two years and I did not always have a piano at hand, so I often played the bass and the guitar I had with me. In fact I always use whatever happens to be around. Instead of actual drums, I enjoy to use old, huge suitcases that you can easily find at flea markets in any city. In Hamburg there was a vibraphone in the studio. In Berlin I usually choose an accordion. Sweet Anna is a song that was made in this fashion. I was sitting in novelist Maxim Biller’s living room and we were both depressed and bored. Suddenly, half-dead and half-joking, he said, “Come on, let’s get my guitar and jam together!” The thing is, I do not “jam.” Never and with nobody. The word alone for itself is a nightmare. But he would not stop getting on my nerves and eventually he just strapped his guitar around my neck. We were in such a bad mood that I actually started playing something. Maxim came up with a little whistled melody, and in the end, I did appreciate having broken my own rules.

The last piece for the album was Carcosa — a piano improvisation originally recorded with a Dictaphone in San Francisco and lost in my archives. In Cologne, where I was working on some theater scores, I rediscovered the recording and this very simple solo track grew into a rather complex song — compared to the rest of my music. It has something to do with jazz — I call it Beat Jazz. And I believe this will be the starting point of my next record. It is always good when you think there might be more to say. MK

 

BIOGRAPHY (Wikipedia excerpt)

Malakoff Kowalski (born June 21, 1979 in Boston, Massachusetts, USA as Aram Pirmoradi) is a German-American-Persian singer, musician, composer and producer. His parents are from Tehran and he was raised in Hamburg, Germany.

In 2005, Kowalski released his debut record Action with his band Jansen & Kowalski, which he later referred to as “a memorial for a monumental failure.” In 2009, after the band had broken up, Kowalski released his first solo-album Neue Deutsche Reiselieder, a progressive and vintage Krautrock record, which included a remix of the single Andere Leute produced by German electronic music legends Deichkind. The video for Andere Leute was made by acclaimed film director Klaus Lemke. To date, Kowalski has composed the original scores for five of Lemke’s feature films.

In 2012, Kowalski released the album Kill Your Babies — Filmscore For An Unknown Picture, which was a collaboration with painter Daniel Richter, novelist Maxim Biller and Klaus Lemke. The instrumental record received excellent reviews and was praised as CD Of The Year by Arts & Culture Editor-in-Chief Claudius Seidl of Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung newspaper.

Kowalski simultaneously began working with theater director Angela Richter. Supernerds, their third and latest play to date, was based on interviews with whistleblowers such as Edward Snowden, Daniel Ellsberg and Julian Assange and premiered in 2015 in Cologne.

Malakoff Kowalski currently lives in Berlin, Germany and has resided there since 2007.